Die Frage, die man einem Doktoranden nicht stellt

Ihr kennt das: die Feiertage sind ein willkommener Anlass für ein Get-together mit den lieben Verwandten. Neben der obligatorischen opulenten Spachtelei wird sich selbstverständlich auch bei jedem erkundigt "wie es denn so geht". Und irgendwann kommt sie, ohne Vorwarnung, wie aus dem Nichts, die von uns allseits verhasste Frage: "Und, wie läuft es mit deiner Doktorarbeit?" *insert dramatic horror movie music jingle here*

Tausend Gedanken schießen einem in den Kopf, so als ob man sich liegend auf einem Nadelbrett wenden würde: Oh mein Gott?! Was wollen sie jetzt wissen? Dass ich immer noch an meiner Diss bin? Was ich zuletzt gemacht habe? Oder wie es wirklich läuft, nämlich, dass nichts, aber auch garnichts funktioniert und ich am Ende darüber schreiben werde, dass absolut nichts funktioniert hat? Oder zielt diese Frage darauf ab, mich als das bloß zu stellen, was ich bin - ein Totalversager? Dann werden sie sagen "Du machst ja nur deinen Doktor, weil du keine Lust auf einen richtigen Job hattest. Hängst immer noch an der Uni rum und verplämperst deine Zeit auf unsere Kosten!" Ganz nach dem Motto " Hättest du mal was anständiges gelernt" anstatt jetzt auf einer halben Stelle am Existenzminimum rumzukrebsen! Die halten mich doch für völlig bescheuert, wenn ich mal sagen würde wieviele Stunden ich tatsächlich in der Woche mache, ganz im Gegensatz dazu, was in meinem Vertrag steht! "Die Sklaverei wurde doch schon vor langer Zeit abgeschafft", würde Oma sagen. Also wozu das ganze eigentlich? Oh nein, das würde jetzt zu weit gehen und schließlich auf die schlimmste aller Fragen hinaus laufen: "Und, was willst du später damit machen?"

Mir ist schwindelig, ein mulmiges Gefühl macht sich in meiner Magengrube breit und ich bekomme Schweißausbrüche. Um alldem ein Ende zu bereiten, antworte ich schließlich: "Ganz gut soweit."

20.4.15 09:06, kommentieren

Schluss mit dem Perfektionismus!

"Entweder ich bringe perfekte Leistung, oder ich bin schlecht!"

"Ich muss mindestens 100% bringen, sonst geht die Welt unter!"

"Ich muss..."

"Ich darf nicht..."

Kennt ihr solche Gedanken? Dann seid ihr wahrscheinlich ein Opfer des Perfektionismus. Weshalb Opfer? Das ständige Streben nach Selbstverbesserung und Perfektion ist extrem anstrengend und auf Dauer sogar gefährlich.

Perfektionismus ist das Einfallstor zum Unglücklichsein, meint Raphael Bonelli, Psychiater und Psychotherapeut. Was steckt hinter unserem Wunsch, ständig perfekte Leistung erbringen zu wollen? Wir unterliegen dem Irrglauben: Wenn ich etwas nicht perfekt meistere, scheitere ich komplett, ich bin ein totaler Versager. Von diesem Scheitern und Gelingen hängt bei uns Perfektionisten in hohem Maße das eigene Selbstwertgefühl ab. Perfektionisten legen sich daher eine Maske der Makellosigkeit an, um ihr eigenes fehlerhaftes Ich zu verstecken, so Bonelli. Perfektionisten sind stets auf ihren Ruf bedacht. Wir stressen uns mit der unlösbaren Frage, was die anderen wohl über uns denken. Es ist Zeit, dass wir einsehen: Es ist unmöglich jedem zu gefallen! Dieses Streben gleicht einer Sisyphusarbeit: Kaum hat man es dem einen recht gemacht, meldet sich schon ein anderer mit Kritik und Bedürfnissen, auf die der Perfektionist eingehen soll. Es ist also ein ständig andauernder, extrem ermüdender Kampf mit dem eigenen Selbst.

Perfektionismus ist in unserer Leistungsgesellschaft weit verbreitet. Das sieht man beispielsweise an dem ständig anwachsenden überzogenen Gesundheitsbewusstsein: "Wenn ich nicht immer gesund esse und diese und jene Zusatzpräparate nehme, werde ich ernsthaft krank.", ist ein typischer Gedankengang von Menschen mit Orthorexie, also Menschen, die übermäßig darauf bedacht sind, das Richtige zu essen. Dass Perfektionismus krank macht, sehen wir auch an Anorexie und nicht zuletzt dem generellen Schlankheits- und Schönheitswahn in dieser von size zero dominierten Welt. "Perfektionismus führt zu ungesundem und krankmachendem Stress", meint Bonelli. Warum sonst ist das perfektionistische Denken sehr häufig in Burnout-Patienten und Depressiven verankert?

Natürlich möchte ich jetzt nicht vorschlagen, dass jeder Doktorand sofort zum Psychiater rennen sollte, wenn er leistungsorientiert arbeitet. Dennoch ist es wichtig, dass wir achtsam gegenüber unseren perfektionistischen Gedanken sind und, wenn wir merken, wie diese uns ermüden und stressen, einen Ausweg finden. Hier sind ein paar praktische Tipps, die mir helfen, das Leben etwas gelassener zu sehen und nicht ständig perfekt sein zu wollen:

1. Du musst das Rad nicht neu erfinden! Wenn du einen Artikel, ein Abstract, eine Präsentation oder ähnliches vorbereitest, greife auf deine bisherigen Arbeiten und Literatur zurück (natürlich mit eindeutig gekennzeichneten Zitaten).

2. Du musst nicht ständig 100% geben! Gerade, wenn du eine immer näher rückende Deadline vor dir hast, reichen vielleicht auch 70% oder 80%, was immer noch gut ist...und gut heißt gut, nicht schlecht oder gescheitert.

3. Nimm dich selber nicht ständig so ernst! Du solltest auch mal über dich und deine Fehler lachen können.

4. Fehler machen ist ganz normal! Dadurch bist du kein schlechter Wissenschaftler oder gar schlechter Mensch.

5. Schreibe dir jeden Tag auf (z.B. in dein Tagebuch), was dir an dir selbst heute gefallen hat...wie du dich in der Situation gesehen hast, was du dir heute Gutes getan hast etc. Das hilft dir auf lange Sicht dein Selbstwertgefühl nicht von Leistung abhängig zu machen.

6. Auch am Ende der Promotion wirst du garantiert nicht scheitern, wenn du keine 100% gegeben hast. Du hast nur 80% oder 90% gegeben? So what?

3.4.15 05:07, kommentieren